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Megalithroute 2017-03-25T12:29:33+00:00

AktivRegion Dithmarschen

„Touristische Kulturwege zur Megalithkultur“

Zu den Stationen: Brutkamp | Bunsoh, Schalenstein | Dellbrücker Kammer | Der Dolmen im Albersdorfer Kurpark | Das Großsteingrab von Frestedt im Albersdorfer Steinzeitpark | Das Großsteingrab von Schalkholz-Vierth in Heide | Das „Bett der Riesen“ im Bredenhoop | Linden-Pahlkrug | Ostrohe-Kringelkrug

Formen und Funktionen der Megalithgräber

Im Volksmund werden Großsteingräber oft als „Hünengräber“ bezeichnet. Dies hat seine Erklärung in der veralteten Vorstellung vergangener Zeiten, dass solch gewaltige Anlagen mit z. T. tonnenschweren Findlingen eben nur von „Hünen“, also „Riesen“, errichtet worden sein können. Man hielt sie für Plätze, an denen die „Hünen“ ihre Toten bestatteten oder auch für Opferplätze.

Die Großsteingräber sind eine Erscheinung, die sich entlang der Atlantikküste bis in den mediterranen Raum hinein nachweisen und sich im mittel- und osteuropäischen Binnenland nicht finden lassen. Auch scheinen sie nicht weiter als 400 km von der Küste entfernt im Landesinneren errichtet worden zu sein. Das wesentlich ältere westeuropäische Megalithikum, das insgesamt reicher und vielgestaltiger ist, scheint generell betrachtet die Ursprungsregion für die Verbreitung der megalithischen Idee nach Mitteleuropa gewesen zu sein. In Norddeutschland stammen die meisten Groß-steingräber aus den mittleren Abschnitten des Neolithikums von ca. 3.500 v. Chr. bis 2.900 v. Chr. Innerhalb Schleswig-Holsteins zeichnet sich der Ostseeküstenbereich als primäres Ausgangsgebiet für die Verbreitung der Anlagen ab. Nur hier finden sich die älteren, so genannten Urdolmen, die für die Bestattung lediglich einer Person gedacht waren.

Ihr wissenschaftlicher Name „Megalithgrab“ stammt aus dem Griechischen (megas: groß; lithos: Stein) und erklärt sich durch ihre Bauform: Sie bestehen aus senkrecht stehenden Stand- oder Tragsteinen und waagerecht aufgelegten flachen Decksteinen, die zusammen eine Kammer bilden. Die vom Gletschereis glatt geschliffenen Seiten der Steine weisen immer zum Kammerinneren hin. Für intentionelle Bearbeitung der Findlinge eines Megalithgrabes durch seine Erbauer gibt es bisher nur einen einzigen Nachweis, wo ein – misslungener – Spaltversuch an einem Steinblock unternommen wurde. Die Grabkammern sind zumeist mit einem Eingang versehen, die – wie bei einer Gruft – für wiederholte Bestattungen geeignet waren. Sie wurden auf dem Erdboden errichtet und überhügelt oder aber auch (seltener) in den Boden eingetieft.

Die Großsteingräber hatten verschiedene Formen und vermutlich auch verschiedene Funktionen als Bestattungsorte, Kultanlagen und territoriale Kennzeichnung eines Siedlungsgebiets. Sie liegen zumeist auf den Hangzonen der Grund- oder Endmoränen, nur selten direkt auf einer Anhöhe. In den bisher mit Sicherheit nachweisbaren Befunden liegen die Siedlungen der damaligen Menschen und die Großsteingräber wie im Falle von Flögeln ca. 400 m und im Falle von Büdelsdorf knapp einen Kilometer voneinander entfernt und damit vermutlich am Rande der hauptsächlich zur Viehweide genutzten halboffenen Wirtschaftsfläche in der Umgebung der Siedlung. Sie können schon zur Zeit Ihrer originären Nutzung eine komplizierte interne Bau-, Um und Ausbaugeschichte aufweisen. In Schleswig-Holstein sind mehrere hundert Anlagen bekannt, ca. 120 stehen unter Denkmalschutz.

In der archäologischen Fachterminologie unterscheidet man grundsätzlich zwischen „Dolmen“ (aus dem Bretonischen für „Steintisch“), die ihren Eingang an der Schmalseite haben und die im holsteinischen Raum die überwiegende Zahl aller Anlagen darstellen, sowie „Ganggräbern“, die meist größer und durch einen unterschiedlich langen Gang an der Längsseite gekennzeichnet sind. Ganggräber wurden noch nicht – wie die Dolmen – in der Anfangsphase des Mittelneolithikums errichtet und weisen als die Kammer überdeckende Hügelform zumeist Rund- oder auch Langhügel auf. Nur bei den polygonalen Ganggräbern, die immer einen Rundhügel besitzen, gibt es einen nachweisbaren Formenzusammenhang zur Überhügelung. In den meisten Fällen weisen die Eingänge nach Osten oder Süden und in die dazwischenliegenden Richtungen. Über den inneren Aufbau dieser Anlagen sind wir durch die Untersuchung einzelner Gräber auch in unserer Region verhältnismäßig gut unterrichtet. So wurden die Leerräume zwischen den Steinen mit Trockenmauerwerk aus flachen Feldsteinen geschlossen. Der Fußboden bestand zumeist aus einem Steinpflaster mit einer Deckschicht aus Stampflehmestrich und/oder weiß gebranntem, krakelierten Flint. Nach der Fertigstellung der Steinkammer wurde darüber ein Hügel aus Lockermaterial, meist Sand, aufgeschüttet, der max. bis zur Oberkante der Decksteine reichte und heute meist aberodiert ist. Einfassungen aus kleinen Findlingen oder aus größeren Steinkonstruktionen, die für die Langbetten typisch sind, grenzten den Grabhügel von der Umgebung ab. Zur Errichtung der Großsteingräber waren Hilfsmittel wie Rollen und Hebel sowie der koordinierte Einsatz von Mensch und Zugtier nötig, um die tonnenschweren Steinblöcke bewegen zu können. Für die Errichtung des Großsteingrabes von Kleinenkneten bei Wildeshausen in Niedersachsen wurde der Arbeitsaufwand mit Hilfe von Computermodellen berechnet: Bei diesem ca. 50 m großen, rechteckigen Langbett waren rund 110.000 Arbeitsstunden zur Errichtung der aus elf Tragsteinen und drei, max. 42 Tonnen schweren Decksteinen bestehenden Grabkammer sowie des Grabhügels erforderlich. Die Anlage hätte also von 100 Menschen bei täglich zehn Stunden Arbeit in etwa dreieinhalb Monaten gebaut werden können – wobei unklar bleiben muss, wie dieser Arbeitsprozess organisiert gewesen ist: War die gesamte regionale Population beim Bau eingebunden, waren nur ausgewählte Bevölkerungsteile dabei oder waren „Berufsgrabhügelbauer“ am Werk? Unzweifelhaft ist in jedem Fall allein für die Koordination der Arbeit das Vorhandensein einer zentralen Autorität, die theokratisch legitimiert gewesen sein dürfte. Jüngere und überregionale Ergebnisse zeigen dabei immer klarer, dass diese Anlagen durchaus nach konkreten Bauplänen errichtet wurden und dass spezialisierte Baumeister bzw. sogar wandernde Bautrupps von Handwerkern die Arbeiten durchgeführt haben müssen, da sich die Existenz von fast identischen Anlagen in einzelnen Regionen sonst kaum erklären liesse.

Viele Großsteingräber sind im Mittelalter beim Kirchenbau, vor allem aber im späten 19. Jh. u. a. wegen des zunehmenden Bauholzmangels durch die damalige Übernutzung der Wälder als regelrechte Steinbrüche zur Fundamentierung von Haus-, Straßen- und Brückenbauten sowie für den Uferschutz genutzt worden. Einzelne Steine wurden auch zur Errichtung von Denkmälern oder als Feld- oder Einfahrtsmarkierungen benutzt. Außerdem dienten Megalithgräber vielfach auch als Sand- und Erdentnahmestellen. Ein Großteil der teilweise mehr als 5.000 Jahre alten Anlagen wurde auf diese Weise im Zuge der zunehmenden Industrialisierung und Mechanisierung des ländlichen Raums zu großen Teilen oder sogar vollständig zerstört.

Ob es sich bei den Megalithanlagen tatsächlich um Gräber im eigentlichen Sinne handelt, wird derzeit intensiv diskutiert. Befunde von Skelettteilen, die sich nur teilweise im anatomischen Verband befanden, deuten darauf hin, dass wir vielleicht eher von „Beinhäusern“ mit Sekundärbestattungen sprechen müssen. Die primären Bestattungen sind möglicherweise für eine bestimmte, relativ kurze Zeit in den benachbarten Erwerken vorgenommen wurden, bevor man die sterblichen Überreste zur dauerhaften Niederlegung in den Megalithgräbern wieder exhumierte. Diese Beobachtung mag auch eine Entwicklung im Laufe der trichterbecherzeitlichen Nutzung der Großsteingräber darstellen, die zu Anfang als Urdolmen klar für die Beisetzung einzelner Personen dienten. Die Kammern konnten jederzeit für Nachbestattungen bzw. neue Bestattungen geöffnet und genutzt werden und können bei guten Erhaltungsbedingungen Reste von mehr als 100 Individuen aufweisen. Häufig wurden in der Grabkammer und vor den Eingängen der Gräber Feuer entfacht, die vermutlich mit den Bestattungsfeierlichkeiten, zu denen auch das Zerschlagen von Gefäßen und das Speisen ritueller Mahlzeiten gehörten, in Zusammenhang standen. Eine besondere soziale Funktion der Anlagen zeigt sich auch in der Auswahl der niedergelegten Grabbeigaben, unter denen z. B. ein im Vergleich zu Siedlungsfunden hoher Anteil reich verzierter, sorgfältig hergestellter Keramik zu finden ist. Die Megalithbauten sind damit in einem größeren Zusammenhang als Teil eines sehr komplexen Bestattungsbrauchtums – das anscheinend die gesamte Siedlungsgruppe unabhängig von Alter, Geschlecht und sozialer Stellung umfasste – einzuordnen. Der Nachweis von verschiedenen nichtmegalithischen, regelmäßig angewandten Formen der Bestattung während der gesamten Trichterbecherzeit – wie z. B. Brandbestattungen, Bestattungen in Holzkammern und –särgen sowie Steinpackungsgräber oder „normale“ Erdgräber, die auch in Frestedt in Dithmarschen nachgewiesen werden konnten – unterstreicht diese Annahme und lässt derzeit keine Aussage darüber zu, was als „normal“ anzusehen ist. Die in Nordjütland häufig in der Nähe von Megalithgräbern errichteten „Totenhütten“ vom Typ Tustrup sind in Schleswig-Holstein bisher noch nicht nachgewiesen worden, obwohl auch ein in Flögeln im Elbe-Weser-Gebiet entdecktes kleines eingetieftes Haus ein Kultbau gewesen sein könnte.

In der jüngeren archäologischen Forschung wird die Bedeutung dieser Anlagen nicht mehr allein in ihrer Funktion als Grabkammern gesehen, sondern ihre vermutliche Bedeutung als Objekte der Territorialmarkierung, zur Absicherung von Herrschaftsansprüchen, als Orte der kollektiven Erinnerung im Rahmen eines Ahnenkultes sowie der Identitäts- und Traditionsbildung der Gruppe oder als Ergebnis von Konkurrenzsituationen z. B. durch Überbevölkerung oder bisher nicht in diesem Umfang bekannte Ansammlung von Werten tritt immer mehr in den Vordergrund. Solch eine Funktion dieser vom Menschen konstruierten Anlagen steht damit von der Form und der Sichtbarkeit her, aber sicher auch in der mentalen Wahrnehmung im völligen Gegensatz zu den Vorstellungen der älteren mesolithischen Jäger und Sammler, die sicher viele „heilige Plätze“ besassen, die aber – vielleicht mit Ausnahme der in einigen Fällen auch aus paläo- und mesolithischem Zusammenhang bekannten kultischen Lesesteinhaufen – in keinem Fall vom Menschen extra dafür gebaut worden sind. Es scheint sich dadurch ein neues emanzipatorisch-autonomes Bewusstsein des Menschen gegenüber seiner Umwelt zu zeigen, das sich neben der Betonung einer bewussten Gegensätzlichkeit eben auch in einem „intensivierten Bewusstwerden der religiös-existentiellen Hinordnung auf die Gottheit“, in einer kontinuierlichen Ausgrenzung der Toten aus der Welt der Lebenden und in einer bisher nicht bekannten Betonung des Kollektivs der eigenen Gruppe bemerkbar macht. Große Teile der Landschaft werden durch den Bau von Monumenten und die Einbeziehung von topographischen Bedingungen „ritualisiert“, womit vermutlich Wirkungen wie Überraschung, Angst und Zusammenhalt bei den Zeitgenossen erzeugt werden sollten. Eine verstärkte Errichtung solcher Anlagen in sozio-ökonomischen Krisenzeiten ist zu postulieren. Da die meisten Anlagen im späten 4. Jahrtausend v. Chr. erbaut wurden, aber teilweise noch Jahrhunderte während des späteren Mittelneolithikums genutzt wurden, stellt sich die Frage der Bedeutung dieser geradezu „rhetorischen“ Nutzungsweise, die anzeigen mag, dass hier sehr starke, historisch-traditionelle Ideen und daraus resultierende Zwänge gewirkt haben. Problematisch bei einer Interpretation der Funktion von Megalithanlagen ist immer eine mögliche Überlagerung durch (mehr oder weniger) moderne, sekundäre Bedeutungen, wie sie z. B. auch am Brutkamp in Albersdorf gut festzumachen sind. Neuere religionswissenschaftliche Deutungen gehen davon aus, dass „der Stein in seiner Leblosigkeit ein Synonym für den Tod und das Nicht-Sein, in dem höchste Schöpfungskraft aktiv ist“ (Mahlstedt 2004), sei. In jedem Jahr müsse die Starre des Steines aufgebrochen werden, um neues Leben hervorzubringen. Vor dem Hintergrund dieser Interpretationsweise ließen sich auch die archäologisch nachweisbaren Rituale im Eingangsbereich der Megalithgräber gut erklären. Die Anlagen könnten also in diesem Sinne auch als „Orte der Transformation“ vom Leben in den Tod und umgekehrt zu verstehen sein. Sie wären dann in der Vorstellung der Menschen der Trichterbecherzeit das „geographisch lokalisierbare (…) Reich des Todes“, an denen aber auch – vermutlich im jahreszeitlichen Zyklus – die „Wandlung“ der verstorbenen, für eine bäuerliche Gesellschaft sehr bedeutsamen Ahnen geschah. Die Verwendung (und Herstellung) von weiß gebranntem Flint als Bodenmaterial für die Grabkammern und die zumeist feststellbare Ausrichtung des Ganges nach Südost (der Richtung des Sonnenaufgangs, von dem man sich im Gang in Richtung der Grabkammer nach Westen, der Richtung des Sonnenuntergangs, bewegt) mögen mit dieser Sitte eines rite de passage in Verbindung stehen.

Der sepulkrale Charakter der Großsteingräber scheint sowohl im Albersdorfer Raum als auch überregional vielfach lange über die Zeit der Erbauer dieser Anlagen hinauszureichen. Die Vorstellung, dass Steine Leben in sich bergen und dass man dort „die Kraft zu seiner Erneuerung fand“ (Mahlstedt 2004), scheint noch bis weit in die Bronzezeit z. B. in Form der auch im Albersdorfer Raum vielfach vorhandenen Schalensteine fortzuleben.

Form und Größe der im Albersdorfer Raum häufig nachzuweisenden, so genannten Langbetten – langrechteckigen, mit Findlingen eingefassten Erdhügeln mit mindestens einer Grabkammer – deuten darauf hin, dass sie sich an den zeitgenössischen Langhäusern orientieren und somit eine Art „Wohnsitz“ für die Toten sind, dies vermutlich auch im sozio-ideologischen Sinne. Eventuell ist die Idee der Langbetten sogar dadurch entstanden, dass man im Rahmen der regelmäßigen kleinräumigen Siedlungsverlagerung die alten Häuser stehen ließ, diese allmählich verfielen und somit die ersten langrechteckigen Hügel entstanden, die sehr wohl – man denke nur an die klar erkennbare Beziehung zu den Ahnen, die früher in diesen Häusern gelebt haben – das Vorbild für den intentionellen „Neu-Bau“ von Langbetten gewesen sein können. Nicht nur das „Grab“, sondern auch das „Haus“ hatten damals also offensichtlich Bedeutungen, die über ihre reinen Funktionen weit hinaus gingen und anzeigen mögen, dass die Verstorbenen sogar der wichtigere Teil der Gemeinschaft gewesen sein können.

Die Erstellung dieser Internetseite wurde im Rahmen des Projektes „Touristische Kulturwege zur Megalithkultur Dithmarschens“ über die AktivRegion Dithmarschen gefördert.